Vizepräses Menn zu Missbrauchsstudie: „Damit Menschen wieder Vertrauen in unsere Kirche setzen können“

  • Jens Peter Iven
  • Meike Böschemeyer

Forschende der Hochschule RheinMain haben im Mai 2026 Ergebnisse ihrer Studie zu Fällen sexualisierter Gewalt im Umfeld der Evangelischen Markus-Kirchengemeinde Düsseldorf ab den 1970er-Jahren vorgestellt. Im Zentrum steht der bereits verstorbene Pfarrer Hans Georg Wiedemann, der bundesweit als progressive Stimme für die Anerkennung homosexueller Menschen in der Kirche Bekanntheit erlangte. Vizepräses Antje Menn, Beauftragte der Kirchenleitung für das Thema, zur Studie nach der ersten Lektüre.

 

Bei der Vorstellung der Studie haben Sie Konsequenzen seitens der Kirche angekündigt. Jetzt haben Sie die Studie gelesen. Welche Konsequenzen müssen aus Ihrer Sicht nun gezogen werden?

Antje Menn: Die Weiterarbeit an den Studienergebnissen wird Konsequenzen in mehreren Bereichen erfordern. Am Anfang steht, dass wir als Kirche das Leid der Betroffenen anerkennen und dass wir sie, so sie es wünschen, unterstützen und vernetzen. Ein weiterer Schritt wird sein, Versäumnissen von (leitenden) Verantwortungstragenden auf landeskirchlicher und kreiskirchlicher Ebene nachzugehen. Auch hier ist externe Expertise gefragt. Daher beauftragen wir damit beispielsweise Staatsanwält*innen. Drittens werden wir heutige Deutungshoheit und Machtbefugnis von Amtsträger*innen auf den in der Studie aufgedeckten multiplen Macht- und Amtsmissbrauch beleuchten. Dazu gehört ein Verstehen des analysierten toxischen Konglomerats von fachwissenschaftlicher Expertise, theologischer Ideologisierung und persönlicher Motive. Hier werden wir strukturell und auch theologisch umkehren und neu ansetzen müssen, daraus entspringen vermutlich Konsequenzen für Präventionsmaßnahmen. Und schließlich wird die Evangelische Kirche im Rheinland sich mit ihrer damals unterbliebenen Distanzierung von propädosexuellen Haltungen in ihren eigenen Reihen auseinandersetzen müssen. Auf diesen unterschiedlichen Pfaden der Aufarbeitung werden sich vermutlich weitere Konsequenzen auftun. Wir stehen noch am Beginn des Verstehens.

 

Die Studie attestiert der Evangelischen Kirche im Rheinland massives institutionelles Versagen: Wie kann es sein, dass mindestens drei Meldungen zu Übergriffen von Pfarrer Wiedemann im Landeskirchenamt im Sand verlaufen sind?

Menn: Die Studie weist auf eine Reihe von Unzulänglichkeiten in Verfahrensschritten, Informationsweitergabe, Dokumentationspraxis und Aktenführung hin. Auch spricht einiges dafür, dass Hinweise und das Ausmaß der Übergriffe von Verantwortlichen im Landeskirchenamt unterschätzt oder nicht gesehen worden sind. Das alles hat leider dazu geführt, dass die Meldung nicht konsequent und zeitnah verfolgt worden sind. Das werden wir von externen juristischen Fachleuten aufarbeiten lassen.

 

Die aktuelle Studie zeigt unmissverständlich auf, wie ein Pfarrer seine tatsächliche oder zugeschriebene Macht missbraucht hat. Er hat Abhängigkeitsverhältnisse ausgenutzt. Wie gehen Sie damit um?

Menn: Schon die ForuM-Studie hatte in großem Ausmaß belegt, dass Machtgefälle und mangelnde Kontrollstrukturen in unserer Kirche Missbrauch ermöglichen und dass diese Gegebenheiten von Amtsträger*innen ausgenutzt worden sind und werden. Auch Pfarrer Wiedemann hat als Seelsorger, Ausbilder, Gruppenleiter und Berater Abhängigkeitsverhältnisse für seine persönlichen Motive ausgenutzt. Das ihm zugeschriebene und für sich selbst in Anspruch genommene Fachwissen über Fragen in Sachen Sexualität und die theologische Ideologisierung seines Sexualverständnisses machten ihn in seiner Abwertung Andersdenkender glaubhaft. In der Folge konnte er sich ihm Anvertraute und Ratsuchende leichter gefügig machen oder hat ihren Widerwillen ignoriert. Diese Mechanismen werden wir genau zu analysieren haben, auch mit Blick auf unser heutiges Amtsverständnis und speziell auf seelsorgliche sowie beraterische Settings.

 

Aufarbeitungsstudien werden innerkirchlich auch beargwöhnt: Zu teuer, alles schon bekannt, es gibt wichtigeres – sagen Kritiker. Haben sie recht?

Menn: Um angemessen aufarbeiten zu können, brauchen wir unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitungsstudien wie diese. Dass wir als Kirche in Kirchengemeinden, Kirchenkreisen und Landeskirche dafür Geld aufwenden, ist richtig und wichtig. Betroffene haben ein Recht auf Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte. Als Institution Kirche brauchen wir den Spiegel, den Studien uns unmissverständlich vorhalten. Sie ermöglichen uns mit ihrem externen Blick einen ehrlichen Blick auf unser institutionelles Tun, damit auch auf Versäumnisse und schuldhaftes Handeln. Gleichzeitig zeigen die Forschungsergebnisse uns, wie wir unsere kirchlichen Orte zu zukünftig zuverlässiger sichere Orte machen können. Das halte ich für eine sehr wichtige Aufgabe, damit Menschen (wieder) Vertrauen in unsere Kirche setzen können und die gute Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes glaubhaft erlebbar ist. Aufarbeitung hilft uns, Kirche in der Nachfolge Jesu zu gestalten.

 

Anmerkung der Redaktion (29. Juli 2026): 1996 war Pfarrer Hans Georg Wiedemann für sein Engagement mit dem 5. Rosa-Courage-Preis ausgezeichnet worden. Der Preis geht an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise für die Belange von LSBTI-Menschen eingesetzt haben und sich immer noch stark machen. Nach Veröffentlichung der o. a. Studie haben sich die Verantwortlichen des Vereins Gay in May e. V., der den Preis vergibt, von Hans Georg Wiedemann distanziert und klargestellt, dass die im Forschungsbericht beschriebenen Handlungen und Haltungen mit den Grundwerten des Rosa-Courage-Preises unvereinbar sind. Die ganze Stellungnahme …